Kruzifix im Refektorium

Im Refektorium hängt ein segnender Christus als Kruzifix. Er wurde als Auftragsarbeit der Predigergemeinde 1951 von Wilhelm Groß (1883-1974) geschaffen. Wilhelm Groß war ein Maler, Druckgraphiker und Bildhauer, der während der Nazi-Zeit in der Bekennenden Kirche engagiert war. Hier können Sie einen Lebenslauf herunterladen.

 

 

Der Pastor der Predigergemeinde Benckert hatte mit dem Künstler Kontakt aufgenommen. Beide kannten sich offenbar aus der Arbeit der Bekennenden Kirche. Groß hatte sich durch die Schrecken des Ersten Weltkrieges in seinen Arbeiten fast ausschließlich auf die Themen Leid und Passion konzentriert. So traf die Anfrage aus der Erfurter Predigergemeinde offenbar unmittelbar sein innerstes Anliegen. In seiner ersten Reaktion betonte Groß „Wichtig ist mir, dass ich nur eine segnende Gebärde gestalten kann“

 

Meditation zur Einweihung des Kruzifix am 2. Advent 1951

Der segnende Christus

Auf jeden Fall besticht der Cruzifixus nicht auf den ersten Blick. Über einem von Schmerz gekrümmten Leib erhebt sich ein königliches Haupt. Betrachtet man den Crucifixus von der Seite, so scheint der vom Kreuz vorgewölbte Leib geradezu zu schweben. Die weit ausgestreckten, durch die Last des hängenden Körpers ausgereckten Arme sind durch die Handwurzeln festgenagelt. Die Anregung dazu kam von Wilhelm Groß durch das legendäre Turiner Leichentuch. Entscheidend war ihm aber nicht die „historische“ Begründung, sondern die Tatsache, dass durch diese Nagelung eine besonders deutliche Darstellung der segnenden Gebärde möglich wurde. Das führte zu der für einen Crucifixus ungewöhnlichen Namensgebung „Der segnende Christus“. Der unbefangene Betrachter steht, wie ich habe feststellen können, eindeutig unter dem Eindruck einer segnenden Gebärde.

 

Je länger man das Werk betrachtet, umso deutlicher wird, dass die segnende Gebärde nicht seine einzige Botschaft ist. Ist vielleicht, wie ein Gemeindeglied meinte, der Augenblick dargestellt, da der Tod die Oberhand behält und der eben noch auf der Fußnagelung Stehende die Gewalt über seinen Leib verliert und zusammenbricht, nun nur noch von den ausgereckten, genagelten Armen gehalten? Aber hält er nicht noch sein Haupt aufrecht? Vermag das ein so Sterbender? Zusammenbrechend und doch mit Leichtigkeit schwebend? Schmerzhaft hängend und doch das Haupt aufrecht? Qualvoll verzerrte Arme und doch segnende Hände? Sind da nicht die Worte aus Johannes 19 von dem Menschen und dem König, die auch am oberen Kreuzesbalken durch das INRI anklingen, des Rätsels Lösung? Mitten im Tod wird er gehalten. Er ist auch als Sterbender, wirklich Sterbender, das Zeugnis des Lebens, als Besiegter der Sieger, als Verfluchter der Segnende.

 

Viele haben sich in meinem Arbeitszimmer das Werk angesehen. Es hat seine Echtheit und Ursprünglichkeit mannigfach bewährt. Noch hat es niemand sofort gelobt oder endgültig abgelehnt. Fast alle wurden bei der Betrachtung sehr nachdenklich. Wohl immer war die segnende Gebärde sehr überzeugend, der schmerzhaft gekrümmte Leib sehr eindrucksvoll. Einige Betrachter waren sehr betroffen von der Aussagekraft. Die Überlegenheit des Werkes erwies sich nicht zuletzt darin, dass es die Betrachter nötigte, vor ihm Masken fallen zu lassen und das eigene Wesen preiszugeben. Der Selbstsichere wurde erschüttert oder noch selbstsicherer. Der Unempfängliche wandte sich unbewegt ab. Der Empfängliche wurde bewegt. Der Ästhetiker vergaß seine neutralisierende Betrachtung. Die Lauten verstummten schließlich doch, und die Stillen wurden noch stiller.

 

So kann man wohl jetzt schon sagen, dass Wilhelm Groß´ neues Werk ein rechtes Andachtsbild ist. Es gibt dem, der von Gottes Wort in der Passion weiß, das Zeugnis von dem Jesus Christus, der uns durch seinen Tod den bleibenden Segen teuer erkauft hat. Seine lebendige Zeugniskraft soll es in Zukunft in einem der schönsten gotischen Räume in Erfurt erweisen: in dem Refektorium des Predigerklosters, das sich die Predigergemeinde als gottesdienstlichen Raum für die Winterzeit erneuert hat. Das Zeichen dieses Kreuzes wird in einer den ganzen zweischiffigen Raum in umfassenden Weise das in Predigt und Sakrament Gottes anschaulich betonen.

 

Dr. Heinrich Benckert
Pfarrer der Predigergemeinde Erfurt